
Soziales Verhalten auf engem Wohnraum
Die Reise beginnt unspektakulär und doch verheißungsvoll: Am 28. März hebt die Wizz-Air-Maschine um 13:45 Uhr in Ljubljana ab. Ein typischer Billigflug – eng, durchorganisiert, geprägt von routinierten Abläufen und Check-in-Prozeduren. Doch alles geht schnell, beinahe reibungslos. Skopje empfängt uns ohne Umwege, das Gepäck ist rasch gefunden – und vor dem Flughafen warten bereits unsere Freunde.
Noch bevor wir wirklich ankommen, nehmen sie uns mit zu einem Aussichtspunkt oberhalb der Stadt. Nicht ganz so hoch wie der Vodno , aber mit einem Blick, der sofort ein Gefühl für diese Landschaft vermittelt: weit, ruhig, leicht rau. Der Abend gehört dann ganz der Gastfreundschaft. In ihrem Zuhause erwartet uns eine Vielfalt an liebevoll zubereiteten veganen Speisen – Ajvar, frisches Brot, aromatische Kleinigkeiten. Gespräche ziehen sich bis in die Nacht. Es wird erzählt, gelacht, zugehört. Ich behandle das Knie unserer Freundin, damit sie endlich wieder schmerzfrei schlafen kann. Wir überreichen Geschenke – ein Stück unseres Schulprojekts , meine Ratgeberkarten – kleine Gesten, die große Freude auslösen.
Der nächste Morgen beginnt aktiv: Bevor wir noch beim Frühstück sitzen, ist Albin bereits unterwegs – joggend, mit einer Plastiktüte in der Hand. Er sammelt Müll. Nicht aus Zwang, sondern als stilles Statement: Wenn jeder täglich einen Sack aufheben würde, wäre das Problem bald gelöst. Ein einfacher Gedanke, der hängen bleibt – gerade in einem Land, in dem Müll tatsächlich allgegenwärtig ist. Anschließend macht er mit unserem Freund gemeinsam ein paar Taek-Won-Do-Übungen.
Nach einem ausgedehnten Frühstück – wieder alles hausgemacht und außergewöhnlich gut – brechen wir auf Richtung Vodno. Die Seilbahn bleibt wegen starken Windes geschlossen, also bleibt nur der Aufstieg zu Fuß. Nicht alle sind sofort begeistert, doch der Weg entwickelt seine eigene Dynamik. Wir motivieren uns gegenseitig, lachen über den inneren Widerstand – und erreichen schließlich nach rund 5,5 Kilometern und 500 Höhenmetern den Gipfel auf 1066 Metern. Oben: ein heißer Kaffee, klare Luft, Weite und dieses stille Gefühl, es gemeinsam geschafft zu haben.
Der geplante Abstecher in die Altstadt fällt ins Wasser – eine Reifenpanne und unsere Müdigkeit bringt uns zur Umkehr. Erschöpft, aber zufrieden kehren wir zurück. Am Abend wartet „Tavche Gravche“ ein traditionelles Bohnengericht und wundervoll selbstgebackenes Weißbrot auf uns. Wieder wird gegessen, gesungen, gesprochen – Freunde die sich persönliche Erlebnisse erzählen und so ihre Freundschaft vertiefen und die Vorfreude auf den nächsten Tag wächst: Ohrid am Ohridsee
Die Fahrt dorthin ist mehr als nur ein Ortswechsel. Am Pass halten wir an, um eine lokale Spezialität zu probieren – ein in Öl gebackenes Germteiggebäck mit Ajvar, einfach und erstaunlich gut. Erste Station ist eine kleine historische Stadt am See: Struga , mit Ausgrabungen, einer orthodoxen Kirche und verwinkelten Gassen, die Geschichte atmen. Weiter geht es dorthin, wo der Schwarze Drin aus dem Ohridsee fließt – ein Ort von stiller, fast meditativer Schönheit, der zum Verweilen und Genießen einlädt.
In Ohrid selbst empfängt uns das Hotel Tino. Unsere Freunde haben bereits alles organisiert. Am Abend sitzen wir gemeinsam beim Essen bei mazedonischer Live-Musik – ein Klang, der sich irgendwo zwischen Melancholie und Tradition bewegt.
Der vierte Tag gehört ganz der Erkundung: Die Altstadt von Ohrid zeigt sich kunstvoll und lebendig: filigrane Buxbaum-Skulpturen, alte Gebäude, kleine Läden. Besonders auffällig sind die vielen Schmuckgeschäfte mit den berühmten Ohrid-Perlen . Es ist ein Ort, der gleichzeitig touristisch und authentisch wirkt.
Später fahren wir entlang des Sees zu einem rekonstruierten Pfahlbaudorf dem: „Bay of Bones Museum “ und besichtigen das „Das Dorf am See“ - Ein steinzeitliches Leben, nachempfunden aus archäologischen Funden. Holz, Lehm, Stroh, auf Stelzen über dem Wasser – ein überraschend intensives Erlebnis, das Geschichte greifbar macht.
Ein weiterer Höhepunkt ist die Quelle des Schwarzen Drin beim Kloster Sveti Naum . Schon der Eingang beeindruckt mit kunstvollen Skulpturen, im Kirchhof laufen Pfauen frei umher. Überhaupt sind Tiere überall präsent – Katzen und Hunde bewegen sich selbstverständlich durch Städte und Dörfer.
Den vielleicht eindrücklichsten Moment erleben wir auf dem Wasser am Weg zur Entstehungsquelle des „Schwarzen Drim“: In einem kleinen, gondelähnlichen Boot fahren wir durch die Quelllandschaft. Das Wasser ist so klar, dass sich Himmel und Umgebung darin spiegeln. Man sieht, wie das Wasser aus dem Sand aufsteigt, beobachtet Pflanzen und Tiere in einer beinahe unberührten Balance. Ein Eichhörnchen begleitet uns am Ufer, Vögel scheinen nur für uns ein eigenes Konzert zu geben. Für einen Moment wirkt alles entrückt, fast unwirklich.
Im Ohrid-See und seiner Umgebung gibt es über 200 endemische Arten , ein wahres Paradies für Forscher:innen aus aller Welt.
Zurück in Ohrid lassen wir den Tag ruhig ausklingen, bevor wir am Abend noch einmal gemeinsam essen gehen – in ein Restaurant, das uns empfohlen wurde. Dort treffen wir einen Freund unserer Freunde, selbst Musiker. Überhaupt scheint hier jeder jeden zu kennen: Musiker begegnen einander wie alte Bekannte, freuen sich ehrlich über das Wiedersehen – unsere Freunde sind etwas sehr Besonderes – dies zeigt uns unter anderem wie sie anderen Menschen begegnen und wie gerngesehen sie überall sind.
Auch kleine Episoden prägen die Reise: Eine Straßenschranke auf dem Weg nach Ohrid, deren Durchfahrt eigentlich 50 Euro kosten sollte. Unser Freund verschwindet kurz in einem Lokal, spricht mit zwei Kellnern – wenig später fährt einer davon auf seinem Motorroller voraus und lotst uns kostenlos durch zwei Schranken. Improvisation, Netzwerk, Pragmatismus – alles greift ineinander.
Neben all der Schönheit und interessanten Erlebnisse bleiben aber auch irritierende Eindrücke. Müll und Umweltverschmutzung sind allgegenwärtig und erschreckend sichtbar. Ebenso spürbar ist eine andere gesellschaftliche Ordnung: Männer und Frauen sind anderes hierarchisch geordnet als wir es in Österreich kennen. Männer stehen im Vordergrund, werden zuerst begrüßt und bedient, führen die Gespräche. Frauen sind präsent, aber selten im Zentrum. Dazu kommt das Rauchen – in Restaurants, Innenräumen, fast überall. Einiges ist ungewohnt und regt zum Nachdenken an.
So bleibt am Ende ein vielschichtiges Bild: ein Land voller Herzlichkeit, Musik und beeindruckender Natur – und zugleich einiges, das Fragen aufwirft. Vielleicht ist es genau diese Mischung, die die Reise so nachhaltig macht.
Am letzten Tag in Ohrid führen wir noch einen Behördengang mit unserem Freund durch: Er muss eine Radarstrafe bezahlen – ein kurioses, aber aufschlussreiches Vorspiel, das zeigt, wie Alltag und Bürokratie in diesem Land miteinander verschmelzen. Anschließend kehren wir noch einmal in den Ort von Ohrid zurück, weil ich mir als Erinnerung an diese Reise eine Halskette mit den berühmten Ohrid-Perlen kaufen möchte. Unsere Freunde kennen natürlich die ursprüngliche Familie (Filevi ), die in Ohrid mit Perlen und Silberfiligranarbeit begonnen hat. Dort lernen wir tatsächlich zwei Generationen aus dem Familienbetrieb Filevi (Orhridija und Marija) kennen, tauschen Geschichten, Lächeln und Kontakte aus und sind uns sicher, dass wir uns wiedersehen werden – nicht zuletzt, weil die Familie österreichische Wurzeln aus der KuK Zeit mit sich bringt.
So verlassen wir Ohrid am frühen Mittag und fahren über Bitola und Prilep Richtung Veles , die ehemalige Heimat unserer Freunde. In Veles dürfen wir an einer Stadtführung mit vielen Hintergrundfakten teilhaben und kaufen am Ende noch eine kleine vegane Spezialität, die wir mit zurück ins Haus nehmen: saftige vegane Baklava , ein kleines Festessen für den Abend. Am See Mladost (Navacani) angekommen, parken wir vor einem alten, von außen eher unscheinbaren, riesigen Metallboot, das offensichtlich als Restaurant mit Zimmern dient. Doch sobald wir den Innenraum betreten, sind wir sprachlos: üppig verschnörkelte Barockelemente, warme Farben, ein Raum, der wie ein kleines Versprechen wirkt, die letzte Nacht in Mazedonien feierlich zu beschließen. Das Essen ist ausgezeichnet, schon vorab von unseren Freunden extra für uns bestellt, und auch hier ist unser Freund mit allen bekannt, eindeutig ein gerngesehener Besucher und Bekannter!
Der Rest des Abends spielt sich bei unseren Freunden zu Hause ab. Nun ist auch ihr Sohn mit seiner Frau zur Runde hinzugekommen, und die Gespräche werden noch intensiver, länger – rund um Gott und die Welt. Wir berichten von unseren Erlebnissen und Eindrücken, lachen über die kleinen Missgeschicke, erinnern uns an Momente, die im Augenblick fast unbedeutend schienen und rückblickend ein eigenes Gewicht entwickeln. Es ist einer dieser Abende, an denen die Grenze zwischen Alltag und Reise verwischt: Man spürt, wie tief etwas in einen hineinwächst, ohne es sofort zu sehen oder zu benennen. Vor allem aber haben diese Tage unsere freundschaftlichen Bande vertieft.
Der sechsten und letzte Reisetag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück, das länger dauert als geplant, weil niemand bereit ist, die Stille wirklich zu unterbrechen. Schließlich steht der Abschied bevor, mit viel Dankbarkeit auf beiden Seiten, mit Umarmungen, kleinen Worten, einem leisen Kloß im Hals. Vom Flughafen Skopje steigen wir in den Wizz Air Flieger nach Ljubljana. Die restliche Reise verläuft unspektakulär, der Flug bleibt unkompliziert und ruhig, und auch die Rückfahrt vom Flughafen wird von Gesprächen und sanften Reflexionen begleitet – einem stillen Nachhall all der Bilder, Begegnungen, Eindrücke und Augenblicke, die diese Reise zu etwas Besonderem gemacht haben.